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  "Nichts wie Theater!"  
 

 

LITERATURWETTBEWERB - "RANGLISTE GESAMT"

01. Elisabeth Richter, Werder/Havel
02. Tania Kummer, Zürich
03. Stella Eva Heinrich, Frankfurt a.M.

Im Rahmen der Literaturwoche vom 2.12. bis 6.12.2003 veranstaltete Keller62 einen Literaturwettbewerb zum obigen Thema. Wir gratulieren allen, bedanken uns ganz herzlich für ihre Teilnahme und freuen uns bereits auf die nächste Literaturwoche!

Und noch eine gute Nachricht zum Schluss - Sie müssen nicht bis zum nächsten Wettbewerb warten - Ihre Texte können Sie nämlich auch bei unserem regelmässigen Poetenabend "Grüner Schnabel" präsentieren.

Und hier der Siegertext von Elisabeth Richter.

Theater

"Hey", sagte sie beim Hereinkommen, und er ließ die Zeitung ein Stück sinken und schaute über den Rand der Lesebrille zu ihr hoch, "ich habe ein super Theaterstück gesehen." Sie warf die Handtasche auf einen Stuhl und setzte sich auf ihren Platz, ihm gegenüber. Der Tisch war belegt mit Zeitungen, verknickt und übereinanderge-schichtet, die Wochenendbeilage mit einem blauen Foto lag obenauf. "Thailand - das Traumland" las sie. "Na, das ist ja schön", sagte er und raschelte mit der Zeitung, um anzudeuten, dass er gerne weiterlesen würde. Sie überlegte kurz, ob sie ihre neue Jacke ausziehen sollte, in der Küche war es warm, aber sie beschloss, sie anzubehalten. Die samtige Oberfläche und das satte Kaffeebraun gaben ihr das Gefühl von Besonderheit, von Eleganz abseits des All-tags, und außerdem war sie neu, bildschön und neu. Sie hatte sie letzte Woche ge-kauft, kurz vorm Beginn des Winterschlussverkaufs. Sie war nicht herabgesetzt, was ihr ein besseres Gewissen verschafft hätte, aber sie wollte genau diese Jacke haben, und sie rechtfertigte den Kauf vor sich selbst, indem sie sich sagte, sie brauche schließlich in ihrem Job als Kritikerin Berufskleidung. Der Theaterabend heute war ihr sechster Auftrag von der Zeitung. "Sag mal, kennst du den Sommernachtstraum?" fragte sie. Er stülpte die Lip-pen vor und machte ein zweifelndes Gesicht. "Möglich, dass ich ihn schon mal irgendwo gesehen habe ... ich glaube aber nicht. Der Sommernachtstraum gehört zu diesen Stücken, die man kennen muss, ohne sie gesehen zu haben, stimmt's?" Er ließ die Stimme in der Schwebe und senkte den Blick vorsichtig auf die Zeitung. "Das Stück heute arbeitete mit Elementen aus dem Sommernachtstraum", sag-te sie. "Kennst du ihn denn wenigstens?" fragte er. Sie schüttelte den Kopf und lachte. "Nein, das ist ja das Peinliche! Ich schreibe eine Theaterkritik und erkenne die Anspielungen des Stückes nicht!" "Hättest du nicht ablehnen können?" Er legte die Zeitung auf den Tisch und stand auf, um zwei Weingläser aus dem Schrank zu holen. "Magst du?" Er schenkte aus der gestern geöffneten Flasche ein. Sie nahm ihr Glas und schwenkte es etwas, bis der Rotwein kreiselte, sie be-trachtete die Farbe und ihr blass sonnengelbes T-Shirt unter der Jacke. Welche Farben! Sie sollte sich einen Rock in dieser Rotweinfarbe nähen, aus Seide, satt glänzend. "Nein", antwortete sie, "ich will alles ausprobieren. Ich muss ja Erfahrungen sammeln." "Prost", sagte er und hob das Glas, "dass es dir gefallen hat, ist ja schon mal gut." Er trank einen Schluck, bewegte ihn im Mund und griff wieder nach der Zei-tung. "Wie sind die Kinder ins Bett gegangen?" fragte sie, um ihn vom Lesen abzu-halten. "Kein Problem", antwortete er, ohne dass sein Blick auftauchte. "Na schön", sagte sie und nahm einen Schluck. Er las. "Das waren heute Abend übrigens nur Frauen, die gespielt haben." "Hhm", machte er zustimmend. "Obwohl es vier Männerrollen gab", fuhr sie fort. "Kann ich dir das mal erzäh-len? Dann fällt mir das Schreiben morgen leichter." "Na klar", sagte er, ohne den Blick von der Zeitung zu lösen. "Also, Oberon und Titania, das sind die aus dem Sommernachtstraum, Elfen-könige, die sind jetzt in einem Park und wollen den Menschen Lust und Leiden-schaft bringen. Und dann geht alles schief." Sie stützte den Ellenbogen auf den Tisch und lehnte die Wange in die Hand, mit der anderen Hand schob sie das Weinglas auf der Tischdecke hin und her. Die Decke war ein Wachstuch, dunkelgrün mit hellgrünen Rauten, sie hatte es wegen der Kinder gekauft, und nun lag es da, war praktisch, aber doof, und vorher war es ein gelbes Wachstuch gewesen, und auch dieses würde da liegen, bis es zerschnit-ten und zerfranst wäre. "Erst rennen alle wild durcheinander, und dann merkt man: Aha, die und die sind ein Paar." Sie richtete sich auf und trank einen Schluck Wein. "Hörst du mir zu?" fragte sie misstrauisch. Er schaute über den Brillenrand hoch. "Natürlich!" Sie schmiegte wieder die Wange in die Hand und schaute zum Fenster. "Also, zuerst sind da die Elfen, und dann spielen die auch ganz normale Men-schen, immer abwechselnd." Er schaute kurz hoch und griff nach dem Weinglas. "Die spielen zwei Ehepaare, eins hat immer gestritten, und das andere ... da hat er immer geschwiegen, und sie hat sich beklagt, dass er schweigt und hat ihn an ihre erste Liebesnacht erinnert, aber er las immer bloß Zeitung, und da fing sie aus Wut an, um ihn herum Staub zu saugen, und da schrie er sie an und ging weg." Sie drehte den Kopf zu ihm und sah, wie sein Blick von den Buchstaben in die Zeitung gesogen wurde, sein Gesicht war ernst. Er las den Wirtschaftsteil. Ihr Zeigefinger schnellte vor und schlug von hinten gegen die Zeitung, dass es knallte. Er zuckte zusammen und sah verwirrt auf. "Und als er fortging, lief sie hinter ihm her und entschuldigte sich!" sagte sie drohend. Er lächelte müde und genervt und schüttelte den Kopf. "Hört sich kompliziert an", sagte er vorsichtig, "war das was Kabarettistisches?" Sie sackte zusammen. "Oh Gott! Nein! Natürlich nicht!" Er suchte auf dem Tisch die Wochenendbeilage zusammen. Das blaue Foto mit "Thailand - das Traumland" verschwand im Stapel. "Du liest ja sicher nicht den Wirtschaftsteil", sagte er, "dann schneide ich mir den Beitrag, den ich haben will, gleich aus." Er schaute sie fragend an. Sie schüttelte den Kopf und malte mit dem Zeigefinger das Rautenmuster der Tischdecke nach. Es gab eine Pause, in der alle Möglichkeiten in der Luft hingen und schwirrten. Sie könnte ihm das Glas an den Kopf werfen oder laut schreien, dass er sich nicht für sie interessiert, dass sie lieber ein wissenschaftliches Hand-buch wäre als die Frau an seiner Seite, dass sie jetzt fortginge und bis ans Ende der Nacht wandern würde. Oder sie könnte den Staubsauger hervorholen. Mür-risch sah sie ihn an. Er guckte ratlos. Sie verschränkte die Arme und wartete. Er schluckte und räusperte sich. "Diese braune Jacke, die du da anhast, ist übrigens schön. Ist die neu?" "Hhm", machte sie, unsicher, ob er noch eine Chance haben sollte. "Komm," sagte er, "es ist spät. Lass uns ins Bett gehen." Er fasste über den Tisch nach ihrer Hand.

 
 
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